Vom Retro-Trend zum Socializing

Was die ersten Avantgardisten der 80er Jahre vorlebten ist heute Populärkultur: eine Art Metrosexualität in der Gesellschaft, ständig auf der Suche nach dem neuen Kick, nach neuen Bühnen für ihr Ego. Der andauernde Retro-Trend knüpft daran an uns ist ein Rückgriff auf die Vergangenheit, weil sie in der Gegenwart keine Leitbilder mehr finden. Verklärte Mythen der Vergangenheit werden so zur Orientierung stiftenden Inspirationsquellen für die aalglatte Gegenwart. Meist lebt diese Szene in Single-Wohnungen, die in Deutschlands Metropolen Konjunktur haben.
Die Kulturen Arbeitswelt und Freizeit verschmelzen: Sie sind Bühne für die Karriere. Das Leben dieser Szene ist deshalb geprägt von permanentem Zeitmangel. Keine Zeit für Familie, erst recht keine Zeit zum Kochen. Daheim in der Singlewohnung herrscht Kochunlust.
Und dennoch: Kochen ist zweifelsfrei up-to-date – nur nicht zu Hause. Kochsendungen haben beste Sendeplätze und Einschaltquoten, Kochbücher sind Bestseller, Kochkurse werden immer häufiger besucht und gebucht. Kochen wird heute vielmehr in der Gesellschaft zelebriert und inszeniert: Als Bühne eigener Eitelkeiten, als kultureller „Kick“, als Verbindung des Nützlichen mit dem Praktischen.
Das Essen dient dann weniger dem Sattwerden als dem Socializing. Je abstrakter unsere Jobs und unsere sozialen Bindungen flexibler und individueller werden, umso mehr gewinnen gemeinsame Koch- und Ess-Events an Bedeutung. Insofern ist das gemeinsame Kochen als Bühne nicht nur ein quasi-avantgardistisches Erlebnis, sondern gleichzeitig eine Reminiszenz an vergangene Zeiten an Mutters Küchentisch. Wir wussten es doch schon immer: Essen ist Sinn stiftend.

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